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Werte für das Zusammenleben

von Pfarrer Alfred Aeppli

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Werte und Normen

Die Schweizer Gesellschaft beruht traditionell auf einer christlichen Wertebasis. Doch die Bevölkerung unseres Landes ist aus Angehörigen von verschiedenen Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen zusammengewürfelt. Diese gilt es alle zu respektieren. Dennoch betrachtet gemäss repräsentativen Umfragen eine Mehrheit die christliche Religion als wegleitend. Die Werte, welche Jesus Christus lehrte und lebte, sind eine tragfähige Basis für das Zusammenleben als Volksgemeinschaft. Sie müssen allerdings immer neu in das aktuelle Umfeld übertragen und der Situation entsprechend angewendet werden.

Die vorliegende Schrift will zeigen, welche christlichen Werte als Grundlage politischen Handelns dienen können. Dabei sind die Werte von den Normen zu unterscheiden. Ein Wert ist eine von der Mehrheit einer Gruppe geteilte Vorstellung darüber, was gut oder schlecht ist. Eine Norm ist eine spezielle Richtlinie, eine Regel, die aussagt, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll. Ein wichtiger Wert ist zum Beispiel die Glaubwürdigkeit. Eine darauf basierende Norm könnte lauten: "Was du sagst, sollst du auch tun." In der Politik beschreiben die Werte die Grundlagen des Zusammenlebens. In der Gesetzgebung werden die Normen formuliert, wie diese Werte in einem konkreten Bereich des Alltags umzusetzen sind.

Wer seine Werte kennt, kann bewusst Prioritäten setzen. Damit ist jedoch der Weg zum Ziel noch nicht festgelegt. Auch bei gleichen Grundwerten sind unterschiedliche Ansichten möglich, wie eine gesetzliche Norm festzuschreiben sei. Im Folgenden wird eine im christlichen Denken verankerte Wertecharta vorgelegt. Die konkrete Umsetzung derselben ist die anspruchsvolle Aufgabe der politisch tätigen Frauen und Männer.

Werte im Wandel

In jüngster Zeit haben sich die gesellschaftlichen Leitwerte verändert. Wer in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorwärts kommen wollte, musste fleissig sein, sich gehorsam einfügen und treu seine Pflicht erfüllen. Von alters her bewährte Traditionen prägten noch das gesellschaftliche Leben. Die 68er-Unruhen führten zu einem tief greifenden Traditionsabbruch. Gesellschaftliche Normen wurden relativiert. Das Lustprinzip und der freizügige Genuss wurden in den 70er- und 80er-Jahren höher bewertet als die hergebrachten Ordnungen.

Die materialistische Ausrichtung dieser Epoche hatte jedoch ein Defizit auf der emotionalen Seite. Der deutsche Trendforscher Matthias Horx beobachtete seit den 90er-Jahren eine zunehmende Bedeutung von emotionalen Erlebnissen und spirituellen Erfahrungen. Gemäss seinen Studien werden die so genannten weichen Werte weiter an Bedeutung gewinnen. Komplexe Zusammenhänge können intuitiv oft besser erfasst werden als auf einem analytischen Weg. Der amerikanische Psychologe Daniel Golemann schreibt im Vorwort seines 1995 veröffentlichten Bestsellers "Emotionale Intelligenz": "In unserem Zeitalter sind die Kräfte und Fähigkeiten des Herzens genauso lebenswichtig wie die des Kopfes."

Auch in der Politik und Wirtschaft gewinnen die weichen Werte eine grössere Bedeutung. Der frühere Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, sagte: "Europa braucht eine Seele." Eine Gemeinschaft, die auf rein materiellen Werten beruht, ist nicht tragfähig und hat keine Bindungskraft. Nach der Globalisierung der Wirtschaft ist auch eine Globalisierung der Ethik nötig. In dieselbe Richtung weist das vom Tübinger Theologen Hans Küng propagierte Weltethos. Er appelliert an alle Menschen guten Willens und fordert einen Grundkonsens bezüglich verbindender Werte und persönlicher Grundhaltungen.

Auf Initiative von UNO-Generalsekretär Kofi Annan haben Vordenker aus allen bedeutenden Religionen und Kulturen einen Wertekatalog erarbeitet. Das Werk wurde 2001 unter dem Titel "Brücken in die Zukunft" herausgegeben und beschreibt die Voraussetzungen für einen weltweiten Dialog der Kulturen. Dieser Rat der Weisen nennt die Werte Menschlichkeit, Gegenseitigkeit und Vertrauen als Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit. Sie haben die Versöhnung als höchste Form des Dialogs erkannt: "Versöhnung ist ein notwendiger Schritt in Richtung einer besseren Gesellschaft." Vergebung und Versöhnung sind zentrale christliche Werte, welche nach Ansicht dieser Experten für die ganze Menschheit unverzichtbar sind.

Die Hinwendung zur Religion liegt im Trend. Die Menschen suchen Sinn und Orientierung. Die spirituellen und emotionalen Werte gewinnen an Bedeutung. In Zeitungen und Fernsehsendungen sind Glaube und Spiritualität zu wichtigen Themen geworden. Der postmoderne Mensch sucht das Wahre und Vertrauenswürdige. Es liegt nahe, auch die Politik auf christlichen Werten aufzubauen. Eine solide Wertecharta ist als Kompass für das politische Handeln ein hilfreicher Wegweiser.

Das Wesen christlicher Werte

Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft beruht auf einer religiösen Grundlage und beginnt mit den Worten "Im Namen Gottes, des Allmächtigen!" Aber damit orientiert sich die Gesetzgebung noch nicht zwingend an christlichen Werten. Unsere plurale Gesellschaft ist von verschiedenen Traditionen geprägt. Was im breiten Volk als "christlich" gilt, sind nicht selten allgemein gültige Einsichten. Es stellt sich die Frage nach dem spezifisch Christlichen.

Welche Werte sind wirklich christlich? Eine einfache, aber grundlegende Antwort lautet: Christlich ist, was von Jesus Christus her kommt. Seine programmatische Botschaft heisst: "Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe." (Matthäus 4,17) Umkehren und auf das Reich Gottes zugehen ist nicht eine statische Norm, sondern eine dynamische Bewegung. Jesus hat seine Entscheidungen im Zwiegespräch mit seinem Vater im Himmel vorbereitet und getan, was ihm von oben gezeigt wurde. Christliche Werte sind nicht Forderungen, die einzuhalten sind, sondern sie entstehen auf dem Weg der Nachfolge von Christus. Dazu gehört die Erwartung, dass der Heilige Geist führt, lehrt und korrigiert auf diesem Weg.

"Kehrt um!" ist die erste programmatische Aufforderung von Christus. Damit ist eine Erneuerung des Denkens und Handelns gemeint. Veränderte Menschen verändern die Welt. Christliche Werte vertreten heisst, mit einer Erneuerung der Herzen rechnen. Damit ist jene Verwandlung von innen nach aussen gemeint, die Ezechiel 36,26-27 beschreibt: "Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt." Dem Ruf zur Umkehr folgen heisst, sich bewusst zu Gott hinwenden, zu den eigenen Fehlern stehen, um Erfüllung mit dem Heiligen Geist bitten und nach den göttlichen Richtlinien fragen.

Das zweite Element des Programms von Jesus lautet: "Das Reich Gottes ist nahe." Mit dem Reich Gottes meint er ein Zweifaches. Er sagt einerseits, dass es in seiner Person schon angebrochen ist. Wo immer Nachfolgerinnen und Nachfolger von Christus tätig sind, soll darum etwas vom Wesen des Gottesreiches sichtbar werden. Somit beginnt es schon hier und jetzt. Anderseits wird dieses Reich erst jenseits von Raum und Zeit vollkommene Wirklichkeit, wenn Himmel und Erde für die Ewigkeit neu erschaffen werden. Christliche Werte haben darum immer auch einen Hoffnungs-Überschuss auf das Ewige hin.

Kennzeichen des Gottesreiches finden wir zahlreich in der Bergpredigt und in den Gleichnissen Jesu sowie in den Briefen der Apostel. Paulus sagt es knapp in Römer 14,17: "Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist." Im Reich Gottes dominieren also nicht die materiellen Werte. Das Ziel sind Gerechtigkeit, Frieden und Freude. Eine Grundregel für ein Leben auf das Gottesreich hin steht in Kolosser 3,17: "Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn." Im Namen von Jesus handeln bedeutet sich ähnlich verhalten, wie er es an unserer Stelle täte.

Wer christlich politisieren will, muss im Sinn und Geist von Jesus Christus planen und denken, reden und handeln. Dieser war einerseits konservativ, indem er die göttlichen Gebote nicht ändern, sondern erfüllen wollte. Anderseits war er revolutionär, indem er den einzelnen Menschen höher achtete als den Buchstaben des Gesetzes. Regelmässig hat er Partei ergriffen für die Schwachen, ohne dabei die grundlegenden Werte zu missachten. Eine Politik nach seinem Vorbild lässt sich deshalb weder "links" noch "rechts" einordnen. Sie nimmt die tiefen menschlichen Bedürfnisse wahr und sucht nach Lösungen, die dem Wohl aller Menschen dienen.

Christliche Werte kommen von Christus her, werden in unserm Alltag verwirklicht und weisen über den irdischen Horizont hinaus. Sie werden nicht in Gesetzbüchern festgeschrieben, sondern von Männern und Frauen gelebt, die um Erfüllung mit dem Heiligen Geistes bitten und sich von diesem Geist führen lassen. Sie bitten um Weisheit von oben nach Jakobus 1,5: "Wenn aber jemand von euch nicht weiss, was er in einem bestimmten Fall tun muss, soll er Gott um Weisheit bitten, und Gott wird sie ihm geben."

Eine christliche Wertecharta

Die Grundwerte müssen knapp und klar fassbar sein. Der Apostel Paulus hat die christlichen Grundwerte in 1.Korinther 13,13 mit dem genialen Dreiklang Glaube – Liebe – Hoffnung zusammengefasst. Davon lassen sich die weiteren Werte ableiten, welche in der politischen Tätigkeit relevant sind.

Der Glaube wird durch die Persönlichkeit der Politikerinnen und Politiker eingebracht.

Gläubig sein bedeutet im biblischen Urtext auch treu, verlässlich, transparent und vertrauenswürdig sein. Genau diese Eigenschaften erwartet das Volk von den Gewählten. Christliche Werte vertreten heisst, als Person zu überzeugen. Die grösste Überzeugungskraft liegt in der Eigenüberzeugung. Wer nur das vertritt, wovon er völlig überzeugt ist, hat eine starke Ausstrahlung. Daraus ergibt sich der erste vom Glauben abgeleitete Wert:

Glaubwürdigkeit:

Darin ist Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Transparenz und Verlässlichkeit eingeschlossen. Wer glaubwürdig auftritt, sagt, was er tut und tut, was er sagt. Er ist authentisch und nimmt Abstand von taktischen Ränkespielen. Seine Aussagen sind fundiert und wahr. Kurzfristig mag dieses Verhalten auch Nachteile bringen. Aber auf lange Sicht wird damit ein Vertrauen aufgebaut, das in heiklen Konfliktsituationen von unschätzbarem Wert ist. Eine glaubwürdige Person muss sich nicht hinter Fassaden verstecken. Was sie vertritt, entspricht auch ihrer inneren Haltung.

Ein glaubender Mensch versteht sich als Geschöpf. Er hat vom Schöpfer den Auftrag bekommen, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Er ist zuständig für die Pflege und den Schutz der ihm anvertrauten Kreaturen. Er sieht sich als Verwalter, der über sein Tun und Lassen Rechenschaft ablegen muss. Die Schöpfung mit allem Lebendigen ist ein dem Menschen anvertrautes Gut, das letztlich Eigentum des Schöpfers bleibt. Damit ist der zweite Wert angezeigt, der auf dem Glauben beruht:

Verantwortung:

Als verantwortlicher Haushalter ist der Mensch zum pfleglichen Umgang mit den Mitmenschen, allen Kreaturen und der ganzen Schöpfung angehalten. Im Zeitalter der Bio- und Gentechnologie ist die Bewahrung der Schöpfung als Ganzheit von Mensch, Tier, Pflanze und Umwelt zu einer vordringlichen politischen Aufgabe geworden. Dabei ist der kurzfristige Nutzen gegen die langfristigen Risiken abzuwägen. Wer sich als Verwalter versteht, ist dem Auftraggeber Rechenschaft schuldig. Er muss gegenüber dem Schöpfer gerade stehen für sein Tun und Lassen.

Im Glauben politisieren heisst auch die eigene Fehlbarkeit und die Grenzen erkennen. Das bedeutet verzichten können, Macht teilen und auf die anderen Rücksicht nehmen. Manchmal bringt der Verzicht auf ein Projekt mehr, als wenn man es mit allen Mitteln durchsetzt. Bescheidenheit schützt vor Selbstüberschätzung. Daraus ergibt sich der dritte auf dem Glauben basierende Wert:

Selbstbeschränkung:

Wer die eigenen Grenzen kennt, ist sich bewusst, dass er auf die Mitmenschen angewiesen ist. Niemand hat allein die Übersicht. Nur in der ergänzenden Zusammenarbeit können komplexe Aufgaben bewältigt werden. Selbstbeschränkung umfasst darum auch die Bereitschaft zur Teilung der Macht. Dazu gehört die Rücksichtnahme auf die Mitmenschen, ihre Anliegen und Bedürfnisse. Wer sich nicht überschätzt, kann die Chancen im Zusammenwirken mit den andern erkennen. Gemeinsam lassen sich Lösungen erarbeiten, die dem Wohl von allen dienen.

Die Liebe wird durch die Tätigkeit der Politikerinnen und Politiker verwirklicht.

Als Kern der Ethik nennt Jesus das Gebot, Gott und den Mitmenschen zu lieben wie sich selbst. Er hat gezeigt, was er darunter versteht: Wertschätzung, Anerkennung und Würdigung eines jeden Menschen, tiefe Barmherzigkeit, Verständnis und Hilfsbereitschaft. Solche Liebe ist Hand und Fuss des Glaubens. Sie nährt sich aus der Gewissheit, dass alle Menschen von Gott angenommen werden. Aus dem Verhalten von Jesus gegenüber den Menschen seiner Zeit lässt sich der nächste Wert ableiten:

Wertschätzung:

Einander wertschätzen heisst jeden Menschen in seiner Eigenart annehmen. Das bedeutet nicht nur die Qualitäten und Leistungen zu schätzen, sondern auch die Schattenseiten zu akzeptieren. Oft erlangen wir mehr Verständnis, wenn wir die Lebensgeschichte eines Mitmenschen kennen lernen. Die Würde eines Menschen ist nicht abhängig von seiner Leistung und Stellung. Auch der Schwache verdient Beachtung. Die Wertschätzung ist eine unentbehrliche Voraussetzug für eine menschengerechte Gesetzgebung.

Für die selbstlose Liebe wird im biblischen Urtext der Begriff "Agape" verwendet. Diese Liebe will nichts vom andern, sondern sie tut alles für den andern. Wo diese Liebe fehlt, zerfallen die gesellschaftlichen Werte. Man kann zwar ohne Liebe sein Recht durchsetzen. Aber wer liebt, wird andere nicht ungerecht behandeln. Mit Liebe politisieren bedeutet darum, sich uneigennützig für das Recht des Mitmenschen einzusetzen. Daraus folgt der zweite Wert auf der Basis der Liebe:

Gerechtigkeit:

Gerechtigkeit erfährt, wer bekommt, was ihm rechtmässig zusteht und wer fair und moralisch angemessen behandelt wird. Ohne sozialen und wirtschaftlichen Ausgleich gibt es keine Gerechtigkeit. Dazu gehört auch der Schutz von Leib und Leben, Gesundheit und Freiheit im Sinne der Menschenrechte. Dabei ist ein weltweiter Horizont im Auge zu behalten. Auch wenn das lokale Handeln nur einen kleinen Beitrag zur globalen Gerechtigkeit darstellt, geht doch eine Signalwirkung von unserem Verhalten aus. Die Schätze der Natur sind ein der ganzen Menschheit anvertrautes Gut. Gerechtigkeit ist darum auch auf eine nachhaltige Nutzung der ganzen Erde ausgerichtet.

Wer im Sinne der Agape-Liebe handelt, bläht sich nicht auf. Er verhält sich nicht taktlos, sondern respektiert die Meinung von Andersdenkenden. Die Liebe engagiert sich zwar für das Recht, aber sie kann auch einmal auf ihr eigenes Recht verzichten. Mit Liebe politisieren heisst solidarisch sein. Durch eine respektvolle Liebe werden alle anderen Werte zu ihrer Entfaltung gebracht. Der dritte auf der Liebe beruhende Wert ist auf das Gemeinwohl ausgerichtet:

Solidarität:

Solidarisch sein bedeutet, auch jene zu unterstützen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören. Das ist nur verbunden mit Toleranz möglich. Das lateinische Wort "tolerare" bedeutet ertragen. Wir sollen also die Mitmenschen in ihrer Eigenart ertragen und an ihrer Last mittragen. Das bedeutet manchmal, auf eigene Vorteile zu verzichten. Die Verzichtbereitschaft ist die Zwillingsschwester der Solidarität. Mit Liebe politisieren bedeutet die Schwachen stärken. Solidarität ist das politische Wort für den christlichen Begriff der Nächstenliebe.

Die Hoffnung wird durch die Ziele der Politikerinnen und Politiker vermittelt.

Die Hoffnung in die Politik einbringen bedeutet Ordnungen schaffen, die auch in Zukunft tragfähig sein werden. Nicht der kurzfristige Gewinn, sondern der langfristige Nutzen, nicht der materielle Profit, sondern das umfassende Wohl auch für die kommende Generation ist das Ziel. Das bedeutet, nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu handeln. Damit ist der erste Wert benannt, der sich von der Hoffnung ableiten lässt:

Nachhaltigkeit:

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Die Wälder müssen über Generationen hinweg vor Lawinen schützen, als Erholungsraum dienen und regelmässige Holzerträge liefern. So soll auch eine Volksgemeinschaft fortwährend den Schwachen Schutz bieten, ein gutes zwischenmenschliches Klima aufbauen und die alltäglichen Bedürfnisse decken. Dazu ist eine soziale, ökologische und wirtschaftliche Stabilität notwendig, und zwar für die gegenwärtige und die kommenden Generationen.

Christliche Hoffnung ist mehr als natürlicher Optimismus. Sie lebt von der Ausrichtung auf das Reich Gottes. Dieser Hoffnungsfunke wird auch durch Versagen und Rückschläge nicht völlig ausgelöscht. Wer hofft, wird auch in Schwierigkeiten vertrauen, dass Gottes Möglichkeiten weit über das Menschenmögliche hinaus reichen und dabei das Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Damit ist der zweite auf der Hoffnung beruhende Wert genannt:

Zielorientierung:

Wer sich am Ziel orientiert, kann auch bei äusserem Widerstand durchhalten. Aus der Hoffnung erwächst eine innere Kraft, die nicht von der Gunst des Augenblicks abhängig ist. Ein hoffnungsvoller Mensch setzt seine Durchsetzungskraft allerdings behutsam ein. Er wird die Mitmenschen nicht unterdrücken und übervorteilen, sondern den günstigen Zeitpunkt erkennen und seine Chancen mit Augenmass nutzen. Dennoch geht er auch bei Gegenwind unentwegt dem Ziel entgegen.

Die Hoffnung auf das Gottesreich schliesst die Versöhnung in allen Lebensbereichen ein. Der biblische Fachbegriff dafür heisst "Shalom" und meint Frieden mit sich selbst, mit Gott und mit aller Kreatur. Solche Shalom-Hoffnung ist nicht teilbar. Sie schliesst alle Kreaturen ein. Der umfassende Frieden ist die höchste Erfüllung christlicher Hoffnung. Damit ist auch in allem politischen Handeln der dritte Wert genannt, welcher auf der Hoffnung beruht:

Frieden:

Auch in der politischen Auseinandersetzung ist der Weg des Friedens gangbar. Er beginnt mit der Bereitschaft, Konflikte anzugehen. Das sorgfältige Zuhören ist unentbehrlich. So werden im Dialog die Voraussetzungen, Absichten und Plänen des Gegenübers wahrgenommen. Die Bereitschaft, eigene Fehler einzugestehen ist dabei ebenso wichtig wie die Nachsicht gegenüber den Fehlern der andern. Die Versöhnung ist der wichtigste Schritt zum Frieden. Sie verlangt die Fähigkeit, nicht nur zu überzeugen, sondern sich auch überzeugen zu lassen, und vor allem die Fähigkeit zu vergeben.

Die Umsetzung christlicher Werte

Wie sollen diese Werte nun in der Politik umgesetzt werden? Sie können zwar begründet und propagiert, aber nicht befohlen werden. Wer seine Politik auf christlichen Werten aufbauen will, muss auf ihre innere Kraft vertrauen. Das hat Jesus nicht anders getan. Obwohl er sich nie mit Gewalt durchsetzte, hat sein Wirken bis heute eine anziehende Ausstrahlung.

Auf die Frage nach dem wichtigsten Gesetz sagt Jesus in Matthäus 22,37-38: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten." Daraus lässt sich der Grundsatz ableiten:

Christliche Werte umsetzen heisst die Beziehung zu Gott suchen und jeden Menschen respektieren und wertschätzen.

Jesus fasst die Summe seiner Ethik zusammen in Matthäus 7,12: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" Er knüpft damit an die goldene Regel an, welche damals lautete: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge keinem andern zu." Bemerkenswert ist, dass er die passive Form (niemandem Böses tun) in die aktive Form (Gutes tun) verwandelt. Somit ergibt sich die aktive Herausforderung:

Christliche Werte umsetzen heisst nicht passiv bleiben, sondern die Initiative zum Guten ergreifen.

Bemerkenswert ist das Verhalten von Jesus gegenüber denen, die schuldig geworden sind. Nie hat er die Sünder mit ihrer Schuld belastet, sondern sie durch die Vergebung entlastet. Er hat sich hingegeben, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Die Versöhnung ist der Kern christlicher Ethik, weil Christus selbst der Versöhner schlechthin ist. Versöhnung ist eine dynamische Kraft, die nicht nur Brücken zwischen den Blöcken baut. Sie schafft auch den Raum für kreative Lösungen der anstehenden Probleme. Damit ist ein zukunftsweisender politischer Stil aufgezeigt:

Christliche Werte umsetzen heisst vergeben und versöhnen und damit die Grundlage für konstruktive Lösungen legen.

Jesus hat sich nie als Herrscher, sondern als Diener aller Menschen verstanden. Er sagt es in Matthäus 20,28: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen." Er tat es allerdings, ohne sich fremden Autoritäten zu unterwerfen. Seinen Dienst verrichtete er in echter Freiheit. Er rechnete mit der Kraft von Gottes Geist und verzichtete auf jedes Machtgehabe. Das gab ihm eine unvergleichliche Vollmacht. Daraus lässt sich ein Prinzip des Umgangs mit Macht herleiten:

Christliche Werte umsetzen heisst nicht mit dem Geist der Macht kämpfen, sondern mit der Macht des Geistes dem Gemeinwohl dienen.

Eine Politik auf der Grundlage christlicher Werten sucht den Konsens und ist auf Lösungen ausgerichtet. Das Ziel ist Frieden in einem umfassenden Sinn – Frieden in der Beziehung zu Gott und unter den Menschen, im nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung, in einer mitfühlenden Solidarität mit den Schwachen, in einer gerechten Verteilung der Macht und in einem respektvollen Zusammenleben der Kulturen und Völker.

Kampagne «lebenswerte.ch», Postfach 294, 3000 Bern 7, infolebenswerte.ch
Eine Initiative der Evangelischen Volkspartei der Schweiz

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